Burgund

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Zeugen eines Machtzentrums

Herrschaftssitze Im Burgund finden sich zahlreiche Spuren der ehemaligen Herzöge, von der Architektur über den Weinbau bis zu den Gaumenfreuden.

Zum Glück waren die Herzöge von Burgund dem angenehmen Leben und dem Wein nicht abgeneigt. Sie schwelgten auf der Höhe ihrer Macht im 15. Jahrhundert im Luxus und pflegten ausschweifende Feste zu geben. Damit stellten sie wiederum ihren Reichtum und ihre Macht den Gästen und Untertanen zur Schau. Zu einem rauschenden Fest gehörten nicht nur frische Fische aus den burgundischen Bächen und Teichen, Wildgerichte, gebratene Tauben und anderes Geflügel, sondern auch Musikeinlagen und Schauspiele mit unglaublichen Dekors - und vor allem Wein in nicht zu geringen Mengen. Da die Herzöge als Grossgrundbesitzer ausgedehnte Weinbaugebiete besassen, war die Weinproduktion einerseits für den Eigengebrauch nützlich, andererseits diente er auch als willkommene und kostengünstige Möglichkeit, den Herrscherhäusern Europas immer einen guten und renommierten Wein als Geschenk anbieten zu können.

Herzog Philippe der Kühne verbot auf Antrag der Bürger von Dijon, Beaune und Chalon 1395 die «äusserst gemeine und unlautere Pflanze namens Gamay», die den Trauben des Pinot noir durch früheres Reifen und höhere Erträge Konkurrenz machte. Damit wurde er Urheber der ersten Verordnung über den Weinbau und trug dazu bei, dass heute noch im Burgund die rote Traubensorte fast ausschliesslich Pinot noir ist.

Philipp der Kühne ist auch der Begründer der letzten Dynastie, die über das Herzogtum herrschte, eine Nebenlinie der französischen Könige aus dem Hause Valois. Er erhielt das Herzogtum von seinem Vater, König Johann II., verliehen, heiratete die Witwe seines Vorgängers und gelangte so auch in den Besitz der Freigrafschaft Burgund sowie Flanderns. Er und seine drei Nachfahren, Johann Ohnefurcht, Philipp der Gute und Karl der Kühne bauten darauf im deutsch-französischen Grenzraum einen mächtigen Länderkomplex auf, aus dem später die heutigen Benelux-Länder hervorgingen. Das Burgund, wie wir es heute kennen, ist nur noch ein kleines Übrigbleibsel der geografischen Ausdehnung des Herzogtums Burgund im Spätmittelalter. In seiner Blütezeit gehörte das Herzogtum zu den lanzvollsten Höfen Europas. Je nach Bedarf verbündeten sich die Herzöge von Burgund mit den Engländern oder den Franzosen. Symbolisches Repräsentationszentrum des Herzogtums Burgund war Dijon, wirtschaftlich waren aber die flämischen Städte Gent, Brügge oder Löwen bedeutender.

Übrig geblieben ist bis heute die Vorliebe der Burgunder für schmackhafte Speisen und den Wein. Und natürlich zahlreiche Bauten der Herzöge: Festungstürme, Fürstenschlösser, Bergfestungen, Wasserburgen im Flachland, im Laufe der Jahrhunderte umgenutzt oder nur noch als Ruine zeugen vom einstigen Reichtum der Herzöge. Am besten erhalten ist der herzogliche Palast von Dijon, der heute das Rathaus von Dijon und das Musée des Beaux-Arts beherbergt – das einzige Museum in Frankreich neben dem Louvre, das in einem ehemaligen Fürstensitz ist. In Beaune findet sich das Hôtel des Ducs, ein ehemaliger Wohnsitz der Herzöge und Hauptsitz eines ihrer wichtigsten Weingüter. Heute ist darin das Weinmuseum untergebracht. In Dijon gründete Philipp der Kühne ein Kartäuserkloser als Grabstätte für sich und seine Familie. Von den erstrangigen Kunstschätzen der Chartreuse de Champmol sind vor Ort noch der Mosesbrunnen und das Portal der Kapelle mit lebensgrossen Abbildern des Herzogspaares zu sehen; die Schnitzaltäre und Gemälde sind im Kunstmuseum.

Zu einem Besuch im Burgund gehört auch ein Besuch des Hôtel-Dieu in Beaune. Das Hospiz wurde 1443 von Nicolas Rolin, dem Kanzler von Philipp dem Guten, und seiner Frau Guigone de Salins gestiftet – für ihr Seelenheil. Es diente als Krankenhaus für Mittellose, Gebrechliche und Waisen. Mit seinem mit farbenen Ziegeln verzierten Dach, den Fachwerkgalerien und den Türmchen ist es ein Musterbeispiel für die Architektur und Kunst der Spätgotik. Heute beherbergt das Hospiz ein Museum mit vielfältigen Ausstellungsstücken. Dies geht von einem herausragenden Flügelaltar des jüngsten Gerichts über den Armensaal mit seinen dem mittelalterlichen Mobiliar nachempfundenen Betten samt Vorhängen für die «Privatsphäre», den Quarantänezimmern und der Apotheke bis zur Küche.

Das Hospiz besitzt fast 60 Hektar Rebberge in den Anbaugebieten der Côte de Beaune, der Côte de Nuits und Pouilly Fuissé. Mit ihren Erträgen wird das Hospiz bis heute finanziert. Alljährlich am dritten
Novembersonntag werden die Weine des Jahrgangs versteigert. Jeder Weinhändler in Frankreich, der um seine Reputation besorgt ist, versucht ein Fass zu ersteigern. Die Preise für diese Fässer erhalten
hierdurch eine Art «Sozialzuschlag », sie sind jedoch zugleich für den gesamten Weinhandel ein Grobindikator zur Qualität eines Jahrgangs der Burgunder-Weine.

 

Fürstlich logieren

Luxus Die Präsentationsfreude früherer Schlossherren beschert den Reisenden heute stilvolle Unterkünfte.

Ob Gourmet- oder Wein-Reise, Design-Trip oder Entspannungs-Wochenende: die Art der Übernachtung und des Logis bestimmt den Charakter des Aufenthaltes. Das Burgund wartet mit einer Vielzahl von fürstlichen Aufenthaltsmöglichkeiten auf, in denen der Alltagsstress an der Rezeption abgegeben und mit Massagen oder auch nur einem bezaubernden Blick ins Grüne und einem guten Glas Wein neue
Kraft getankt werden kann.

Als Schlossherr fühlt man sich in Sainte-Sabine. Das Schloss aus dem 17. Jahrhundert liegt inmitten eines acht Hektar grossen Parkes samt See. Geschickt hat man bei der soeben erfolgten Renovation Vergangenheit und Gegenwart miteinander verwoben; zeitgenössische Textilien in leuchtenden Farben verleihen den klassischen Möbeln und dem urtümlichen Gemäuer mit Deckenmalereien einen speziellen Reiz. Auch die Küche wagt überzeugend den Spagat zwischen Tradition und Innovation und verwendet vorwiegend die Produkte aus der Region.

Noch majestätischer nächtigt man im Schloss de Vault-de-Lugny, dessen Abbild sich im Burggraben spiegelt und auf dessen Schlosswiese Hühner scharren, Ziegen grasen und ein weisser Pfau stolziert. Die Küche verarbeitet das Gemüse aus dem eigenen Garten. In den bis zu fünf Meter hohen Zimmern mit Himmelbetten, bemalten Kassettendecken und stilvoll gemusterten Tapeten scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Die Nebengebäude im Park wurden zu charmanten Cottages umgestaltet, mit Blick auf die Burgmauer. Ein spezielles Erlebnis ist das Bad im 30 Grad warmen Spa im Kellergewölbe des Schlosses.

Mehr darüber
www.saintesabine.com
www.lugny.fr


Mit Ersatzschlauch und einer Flasche Wein

Zweirad Die Annäherung an den Burgunder Wein auf zwei Rädern und mit Muskelkraft.

Chambertin, Clos de Vougeot, Romanée-Conti: Die Namen der Grand Cru-Lagen im Burgund reihen sich aneinander wie an einer Perlenschnur. Ein Schriftzug eingemeisselt in einer Steinmauer, oder ein aufwändig gestaltetes Eisenschild weist auf die wertvollen Parzellen hin. Zwischendurch durchquert man auf der Reise durch das Burgund mit dem Fahrrad immer wieder ein Dorf, radelt vorbei an Weinkellern oder lässt sich zu einem Halt verleiten von einem Schild «Dégustation» und der freundlichen Aufforderung «Sonnez s’il vous plaît». Es wäre schade, die Gastfreundschaft der Burgunder Winzer nicht kennen zu lernen, die gerne die Vielfalt ihrer Weine präsentieren. Bei manch einem Winzer beginnt die Weinprobe mit einem trockenen weissen Aligoté, im Gebiet der Côte d’Or, Mâconnais oder Chablis ist es ein Wein aus Chardonnay-Trauben mit dem typischen Zitrusaroma. Als Rotwein wird fast immer ein Pinot noir gereicht, die Traubensorte, die sich im Burgund weltweit am besten entfalten kann und in jedem Dorf wieder anders riecht und schmeckt. Zumeist wandert auch eine Flasche in die Satteltaschen des Fahrrads – für mehr fehlt neben dem Flickzeug und dem Tagesproviant der Platz.

Weiter geht’s durch lauschige Weinberge, vorbei an einer romanischen Abtei oder einem Renaissanceschloss. Nach einer Degustation tendenziell eher etwas langsamer, aber nicht minder heiter als zuvor. 650 Kilometer umfasst das Netz aus Velowegen und sogenannten Grünen Wegen, die aus gesicherten Fahrbahnen bestehen und von motorisierten Fahrzeugen nicht befahren werden dürfen. 1997 wurde die erste Grüne Strecke zwischen Buxy und Cluny an der Côte Chalonnaise eröffnete. Seither wird das Radnetz jährlich erweitert und ist genau beschildert.

Nicht alle Strecken schlängeln sich durch Rebberge, einige folgen auch den alten Treidelpfaden entlang den Kanälen mit entsprechend wenig Steigung. Die grössten Mühen, nämlich diejenigen mit dem Reisegepäck, werden den Tretfreudigen abgenommen: Für eine Gebühr von acht Euro wird das Gepäck dem Drahtesel voraus von Unterkunft zu Unterkunft transportiert.


Gut zu wissen
Anreise

Mit dem Zug:TGV Rhin-Rhône:Zürich - Dijon in 2:30 Stunden; Basel - Dijon in 1:30 Stunde; Bern - Dijon in 3 Std. 09 Min
Drei tägliche Verbindungen (am Samstag zwei)

Mit dem Auto:
Nach Dijon (Autobahn A36) - ab Zürich in 3:30 Stunden - ab Basel in 2:35 Stunden

Informationen zum Netz der Radwanderwege sind zu finden unter
www.burgund-furradfahrer.com
Weitere Informationen:
www.burgund-tourismus.com

Quelle:Handelszeitung Carl Y. Weberknecht - Irène P. Spinner

Weitere Informationen

Sehenswert

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